Anja Luithle – Zeithorizonte. Eröffnung in der Kreissparkasse RV am 24. November 2025
Der Zeithorizont, immerhin über zehn Jahre, in dem ich das Werk von Anja Luithle verfolge, war ausgesprochen kurzweilig. Ihre Kunst ist stets packend, auch durchaus zupackend, und sie besitzt viel Tiefsinn, wie wir gleich sehen werden.
Bei dieser Ausstellung in den Räumen der Kreissparkasse bringt Anja Luithle frühere und ganz aktuelle Werkkomplexe überraschend miteinander in Beziehung und auf den Punkt. Alte Bekannte wie die bewegten Röcke aus der Serie „Broadway“ aus dem Jahr 2008 entfalten im Zusammenhang mit den neuen, abstrakt anmutenden Stoffarbeiten, die in den letzten zwei Jahren entstanden sind, andere Perspektiven. Und auch umgekehrt, eröffnet das frühere Werk konkrete Assoziationen mit den neuen Arbeiten. Was auf den ersten Blick vielfältig oder gar disparat wirken kann, steht auf den zweiten Blick in einem großen Beziehungsgefüge, mit dem wir uns jetzt beschäftigen wollen.
Der Inszenierungskunst von Anja Luithle liegt eine besondere Form der Selbstreflexion zugrunde, die der Frühromantiker Friedrich Schlegel zum Zentralbegriff seiner Ästhetik gemacht hat: die Ironie. Ironie bedeutet, stets eine gewisse Distanz zum eigenen Werk zu wahren, es in immer neuen Konstellationen und Kontexten einer Prüfung zu unterwerfen. Anja Luithles Ironie – eine sehr feine Ironie – erlaubt es ihr, souverän und selbstkritisch zu arbeiten. Außerdem ist Ironie eine Strategie, mit der sie sich der Erstarrung entzieht und sich bei allem die spielerische Option auf etwas anderes in der Zukunft, vielleicht schon bei ihrem nächsten Werk, offen hält. Der Abstand, mit dem Anja Luithle die Dinge betrachtet, respektiert all das, was wir nicht festhalten können, das Gewesene, die verflossene Zeit.
Die verflossene Zeit manifestiert sich in nichts besser als im stilisierten Fragment, in den Spuren von gelebtem Leben in Form von Dingen wie Schuhen, Kleidern, Taschen, Stoffen, die stellvertretend von Vergangenem erzählen. Epochen von Sinnlichkeit scheinen greifbar auf in raschelnder Seide, ikonenhaften Absatzschuhen und übereinander gelagerten Stoffen. Diese mit Bedacht ausgewählten Dinge stehen stellvertretend für menschliche Figuren und Konventionen, Stile, Haltungen und Rollen, die sie in der Vergangenheit eingenommen haben.
Ja, der Mensch in der Kunst! Seine körperliche Abwesenheit in den Werken Anja Luithles ruft eine umso intensivere Beschäftigung mit seiner physischen Existenz und seinem Seelenleben hervor. Was sagen die Überbleibsel von Repräsentationsstreben und sozialem Rollenspiel über die fiktiven Nutzerinnen und Nutzer aus? Sind nicht alle sichtbaren Dinge, mit denen wir uns umgeben, Teil einer Maskerade oder einer Schutzhülle? Broadway: Wie von unsichtbaren Strippen gelenkt, drehen sich Phantomkörper in schwingenden Stoffröcken nach einem willkürlichen und von außen vorgegebenen Rhythmus. Wie diese sind die kinetischen Arbeiten von Anja Luithle immer eine Reflektion über die Menschen, deren Leben vielen Wiederholungsschleifen unterworfen ist. Ihre zeitliche Existenz investieren sie in eine weitgehend vorgegebene Choreographie. Der Auslöser von Bewegung im Raum ist bei „Broadway“ bezeichnenderweise ein Klatschen. Die Rückbezüglichkeit zwischen den Broadway-Figuren und dem Publikum spricht das Phänomen wechselseitiger Bedingtheit bzw. Abhängigkeit an. Ironie ist immer auch ein Mittel der Selbstrepräsentation der Kunst.
Die Objekte von Anja Luithle nehmen also eine Stellvertretung ein, sie stehen für das Leben, das einmal in ihnen und hinter ihnen steckte. So verbinden sich mit den klassischen roten Pumps Gefühle von Lebensfreude, Weiblichkeit und Verführungskunst. Ihre Aktion und Bewegtheit ist jedoch tragischerweise auch ein Treten auf der Stelle. Anja Luithles Objekte werden zu Metaphern des Menschen, zu Sinnbildern des menschlichen Seins: Sie werden zum verdinglichten Ausdruck menschlicher Existenz, und indem sie Erinnerungen und Assoziationen auslösen, hinterfragen sie vorgegebene kulturelle Muster. Sie stehen für Überliefertes und teils längst Vergangenes, das dennoch die Gegenwart mitbestimmt.
Die sorgsam und in aufwendigen handwerklichen Prozessen hergestellten Objekte sind bei aller Ironie auch Ausdruck einer Warmherzigkeit, eines großen Mitgefühls für uns Menschen, die wir unser ganzes Leben mit vorgefundenen Stereotypen ringen und nach Authentizität streben. Die Ironie von Anja Luithle ist deshalb gelegentlich nahe bei der Melancholie, weil diesem ständigen Bestreben des Menschen, sich selbst zu definieren und zu positionieren, zumal in Anbetracht des ständigen Wandels der Gesellschaft auch eine gewisse Vergeblichkeit innewohnt.
Die besondere Position Anja Luithles in der Bildhauerei definiert sich von Beginn an durch eine Affinität zum Textilen. Werke wie „Broadway“, die meist kinetisch bewegt sind, haben sie bekannt gemacht. Das textile Material ist bis heute geblieben, das mechanisch-kinetische Moment wird in ihren aktuellen Arbeiten ersetzt durch eine rein gedankliche Zeitdimension.
Wenden wir uns also Anja Luithles neueren Bildobjekten zu. Wie die früheren figurativen Objekte stellt sie diese in einem handwerklichen Prozess her, in dem sie Beschaffenheit und Wirkung des Materials bewusst einsetzt und zur Wirkung kommen lässt. Es handelt sich hierbei um zwei wichtige Komponenten, aus denen schon ihre aus leeren Bekleidungshüllen bestehende Figuren gemacht waren, nämlich um den weichen textilen Stoff und den gehärteten Kunststoff (Epoxidharz).
Schon seit etwa hundert Jahren setzen besonders Frauen in der Kunst das Textile als Ausdrucksmittel ein. Im Staatlichen Bauhaus, das nicht so fortschrittlich war wie es zu sein beanspruchte, war der Textilbereich als etwas traditionell Weibliches den Frauen zugewiesen. Später, mit berühmten Vertreterinnen wie etwa Rosemarie Trockel und Magdalena Abakanowicz, wurde das textile Material zu einem Medium der selbstbewussten Neubestimmung der Frau. Anja Luithles Kunst ist ein eigener Beitrag zur Entwicklung des Textilen, in dem zum einen weibliches Selbstverständnis reflektiert wird und gleichzeitig Gestaltungsmittel der Moderne aufgegriffen und neu interpretiert werden. Eine spannende neue Synthese also.
Eine Spielart von Anja Luithles textilen Arbeiten widmet sich dem Aufrollen von textilen Streifen, ein Vorgang aus der Materialordnung und -lagerung, den alle Handarbeitende kennen. Diesen Vorgang des Aufrollens erhebt sie als „Zeitspirale“ zum Kunstwerk. Von der Seite betrachtet, erschließt sich Zeit als ein zur Spirale aufgerolltes Band, das viele, viele Umrundungen und viele Farben aufweist. Die Rolle wird zum meditativen Sinnbild einer Zeitauffassung, die in kreisförmigen Zyklen verläuft, eine sich Runde um Runde erweiternde Gleichförmigkeit aufweist und vor allem wiederholt aus der Vergangenheit schöpft.
In einer weiteren bedeutenden Serie von flachen Wandobjekten mit dem Titel "Horizonte" bringt die Künstlerin Schichten verschiedener Stoffe übereinander, die sie in transparentem Epoxidharz eingießt. In diesen Überlagerungen verdichten sich Zeit und Zeitgeist, verkörpert durch die Stoffe. Sedimentiert und eingefroren zu Blöcken aus transparentem Harz werden sie zu Kunstobjekten von hintereinander geschichtetem Material. Als solchermaßen künstlich hergestellte Speicher halten sie Momentaufnahmen von durchlebten Wandlungsprozessen fest und werden zu Erinnerungslandschaften. Sie schaffen Analogien zum menschlichen Gedächtnis, in dem sich Erinnerungen überlagern, verwischen, verfremden oder gar verflüchtigen. Formal weisen die „Horizonte“ Anklänge an die Malerei der abstrakten Moderne auf, und inhaltlich haben sie eine transformatorische Kraft, die die verarbeiteten Stoffe, Spuren aus dem realen Leben, zu etwas geradezu Immateriellen, zu etwas Zeitlosem und Enthobenem verwandelt. Anja Luithle bezeichnet eine ihrer Serien nicht umsonst als „Zeitmodule“, die nach ihren eigenen Worten ein zum Bildobjekt gewordenes "textiles Porträt vergangener Zeit" darstellen.
Erlauben Sie mir zum Schluss noch einen kurzen Schwenk zu dem hier ebenfalls präsentierten Werkkomplex der „Wertpapiere“, der an diesem Ausstellungsort nicht unerwähnt blieben kann. Auch dieser Zyklus verknüpft Stoff aus dem Alltagsleben mit tiefgründigen gedanklichen Überlegungen zu Kunst und Leben. Bei dem "Stoff" handelt es sich in diesem Falle um Toilettenpapier und bei der Zeitdimension um die Wertentwicklung von Aktien oder Anleihen. Hier kommt wieder der kraftvolle Humor der Künstlerin zum Tragen. In der paradoxen Verwandlung eines Stück Papiers zum Kunstwerk, eben zum "Wertpapier", stellt sie grundsätzlich die Frage nach dem Wert von Kunst in unserer ökonomisch geprägten Gesellschaft. Für die „Wertpapiere“ verwendet die Künstlerin unterschiedlichste Toilettenpapiere aus aller Herren Länder. Indem sie sie in einem Handruckverfahren bedruckt, wird dem an sich wertlosen Stück Toilettenpapier ein, im Unterschied zum Börsenpapier, ideeller künstlerischer Wert verliehen. Das geschieht zum einen in Anspielung darauf, dass auch Kunst einem Markt unterworfen ist und ihr wirtschaftlicher Wert aus dem Wechselspiel von Angebot und Nachfrage resultiert. Zum anderen wird umso mehr betont, dass der ideelle Wert von Kunst im Bereich des nicht in Zahlen kalkulierbaren Geistigen und Gestalterischen liegt, das ebenso einem menschlichen Grundbedürfnis entspringt wie das Materielle. Die mit der Wertpapier-Serie verbundene ironische Frage zur Relevanz der „Investition“ in Kunst ist somit natürlich rein rhetorisch zu verstehen. Denn wie im Wertpapiergeschäft trägt auch eine Investition in die Kunst, gerade oft in der Langfristigkeit, ihre nicht absehbaren Früchte.
Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, nehmen Sie Anja Luithles Kunst zum Anlass, über die hier angeschnittenen Fragen nachzudenken: Worin investiere ich am besten Lebensenergie und sonstige Mittel, was bringt angesichts der Endlichkeit allen Seins die erhoffte Erfüllung? Bitte genießen sie vor allem auch die außergewöhnliche Ästhetik, die Machart sowie die geistige Dimension dieser Kunstwerke.
Mein Glückwunsch zu dieser Ausstellung – sowohl an die Künstlerin – als auch an die Veranstalter! Sie schlagen beiderseits wunderbare Brücken zwischen Kunst und Lebensalltag!