Gilles
Erstarrt in der Pose, haust die Leere in der Hülle. Umfangen vom wallenden Gewand gähnt ein Loch unter dem aufgestellten Hut. Gilles hat sein Gesicht verloren und dennoch ist es unverkennbar Gilles, die merkwürdige Gestalt, die Jean Antoine Watteau in seinem 1718/1719 entstandenen Gemälde festgehalten hat. Deutlich inspiriert vom Arlecchino der Commedia dell´arte, trägt Gilles bei Watteau keine Maske, sondern in seiner Haltung und in seinem Gesichtsausdruck verbildlicht sich die ihm eigene Diskrepanz zwischen Komik und Tragik, Naivität und Melancholie, die es ihm erlaubt, jenseits aller Regeln und Konventionen auf der Bühne sein Unwesen zu treiben. Weit entfernt davon, der launige und harmlose Spaßmacher zu sein, zu dem er später stilisiert wurde, lebt er diesseits und jenseits der Wirklichkeit - wie sein Vorfahr die mythologische Figur des Tricksters - in einer Welt von sich widerstreitenden Emotionen zwischen Nähe und Distanz, was ihm immer wieder ermöglicht, einen Keil zwischen Schein und Wirklichkeit zu treiben und die Normen der vermeintlichen Realität in ihrer Zwangsläufigkeit zu unterlaufen und zu demaskieren. Ausgeprägter erscheint diese Charaktereigenschaft noch anfangs in der Gestalt des Pierrots, der ursprünglich als Spielverderber und Intrigant auftrat, um im Laufe der Zeit stumm und bemitleidenswert, traurig und hilflos in seiner weißen Robe als Zirkusclown neutralisiert zu werden und zu verharren.
„Die Seele dieses Menschen sitzt in seinen Kleidern.“ (Shakespeare)
Anja Luithle greift in ihren plastischen Arbeiten immer wieder auf bekannte Darstellungen und Motive der Kunstgeschichte zurück, die sie aus dem Bildkontext isoliert, zum Ausgangspunkt für ihre überdimensionalen Figuren nimmt, denen nur eines fehlt - nämlich ihr Körper. Aus weichen Stoffen gebildet, die in mehreren Schichten mit Epoxidharzen und Lacken gehärtet sind, folgen ihre Gewandfiguren in ihrer Formgebung akribisch den Schnittmustern und Faltenwürfen ihrer ausnahmslos der Malerei entstammenden Motive und kehren damit die Beziehung zwischen Modell
und Bild um. Zu ihren Arbeiten hat ein Bild Modell gestanden und ist an die Stelle des Modells getreten, das in der Malerei in einem Bild dargestellt wird. Reduziert auf ihre Kleidung scheint in der Abwesenheit des Trägers oder der Trägerin, die formgebende Macht der Kleidung auf, die weit mehr ist als Ornat oder Ornament, Verkleidung oder Maskerade, Kostüm oder Robe. Vielmehr hat es den Anschein, daß nicht der Träger die Kleidung formt, sondern vielmehr die Kleidung den Träger. Thomas Carlyle hat in seinem Werk „Sartor Resartus“ explizit auf diesen Zusammenhang hingewiesen, wobei er kaum ahnen konnte, welch ungeheure Bedeutung der Kleidung in der Inszenierung eines zunehmend entleerten Selbst zukommen sollte.
Das, was im Theater der Charakterisierung einzelner Typen dient, hat längst die Schaubühne verlassen, um in einem flächendeckenden Spektakel der Selbstinszenierung zu kulminieren.
In seiner Novelle „Kleider machen Leute“ greift Gottfried Keller dieses Motiv auf, indem er beschreibt, wie sehr die Wahrnehmung einer Person durch ihre Kleidung bestimmt und nobilitiert werden kann - aus einem armen Schneider wird so unversehens ein Graf. Doch damit nicht genug: bei dieser Verwandlung vollzieht sich vielmehr wie Freiherr Friedrich von Logau in einem seiner Epigramme kurz und treffend formuliert: „Alamode-Kleider, / Alamode-Sinnen, / wie sich’s wandelt außen, / wandelt sich’s auch innen.“
Und so wird auch in Anja Luithle´s Arbeiten nicht die Scheinwirklichkeit von des Kaisers neuen Kleidern entlarvt, indem der Kaiser nackt herumstolziert - wie in Hans Christian Andersens Märchen -, sondern die Kleider selbst werden zu Akteuren und ihre Träger führen nur noch eine Scheinexistenz.
Vor diesem Hintergrund erscheint es nur konsequent, wenn Anja Luithle die von ihr als Hohlformen ausgebildeten Gewandfiguren in Bewegung versetzt.
Quasi beseelt, erzittern und erbeben sie im Lufthauch oder vollführen automatenhaft von verborgenen Motoren mechanisch getrieben, wie manisch zwanghaft die immer gleichen Bewegungen, die zwar zielgerichtet sind, doch immer wieder an den Grenzen des ihnen zugewiesenen Spielraums scheitern, dem sie nicht entkommen können. Fremdbestimmt und ferngesteuert vermag sie nichts aus der Fassung zu bringen, denn sie werden von Nichts und Niemandem getragen. Verselbständigt führen sie ein Eigenleben quasi als Mimikry der Wirklichkeit, der das handelnde Subjekt abhanden gekommen ist.
Hoch auf einem Podest, erhöht auf einem Laufsteg steht der entkörperte Gilles in all seiner Hilflosigkeit, jedem Windhauch ausgeliefert, der ihn sachte bewegt und dennoch unbeweglich und unbewegt. Gilles läßt den Blick ins Leere laufen, der an der glatten wie auf Hochglanz polierten Oberfläche und den Gewandfalten abrinnt wie Wasser - die Haltung ist alles, was bleibt. Eine traurige Gestalt, die ihr Selbst verloren hat. Das Kostüm verbirgt keinen Schauspieler mehr, hinter der Maske ist kein Wesen, das es zu entdecken gäbe, die Hülle verhüllt nichts, denn die Substanz ist längst aufgezehrt. Gilles - ein stiller Abgesang auf das Subjekt.
Karin Stempel, 2024