(Gedanken zur Ausstellung "Echo" in der Stadtbibliothek am Mailänder Platz Stuttgart)
Echo – Resonanzräume der Erinnerung von Anja Luithle
Das menschliche Gehirn ist kein glattes Blatt. Es ist gefaltet, eine komplexe Landschaft aus Erhebungen und Vertiefungen, durchzogen von feinsten Linien. In diesen Faltungen speichern sich Erinnerungen, Wissen und Erfahrungen.
Eine ähnliche Verdichtung lässt sich in den Arbeiten von Anja Luithle beobachten. Ihre Zeichnungen entfalten sich wie topografische Gebilde: in Schichten, Linien und Strukturen, die sich vertiefen und verdichten. Mit großer Präzision übersetzt sie Faltenwürfe und Muster historischer Stoffe in großformatige Zeichnungen, in denen Vergangenheit und Gegenwart ineinanderfließen. Im Prozess des Zeichnens vollzieht sich dabei eine fortwährende Metamorphose. Jede Linie, jede Schicht trägt zu einem Wandel bei, der nie abgeschlossen ist. Die Werke sind keine statischen Abbilder, sondern dynamische Prozesse, vergleichbar mit den Veränderungen, die das Leben selbst prägen.
Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist die Arbeit „Vier Jahreszeiten“. Sie basiert auf einem historischen Stoff aus dem Nachlass eines Arztes aus dem schwäbischen Raum. Verblasste Schriftzüge, darunter das Wort „Friling“ in historischer Schreibweise, verweisen darauf, dass der Ausgangsstoff über 120 Jahre alt ist. Indem Anja Luithle diesen Stoff aus seinem ursprünglichen Kontext löst, überführt sie ihn in eine eigene künstlerische Sprache. Es entsteht eine neue Bildwelt, die zugleich ein zentrales Thema der Kunstgeschichte aufgreift: den Faltenwurf. Seit Jahrhunderten setzen sich Künstlerinnen und Künstler mit diesem Motiv auseinander. An diese Tradition knüpft Luithle mit handwerklicher Raffinesse an. Man scheint die Textur des Stoffes zu fühlen und in das Blatt hineingreifen zu können.
Eine weitere großformatige Arbeit aus der Reihe „Metamorphosen“ basiert auf einem chinesischen Seidenstoff mit klassischem Ornament. Der Stoff ist rot, in China ein Symbol für Glück und Hoffnung. Auch hier wieder Assoziationen zu Bergen und Schluchten, zu Gräben der Erinnerung, die dem Vergessen widerstehen. Einige Betrachtende meinen sogar konkret das Matterhorn zu erkennen. Solche Assoziationen verdeutlichen, wie stark Wahrnehmung von individuellen Erfahrungen geprägt ist, Kunst wird hier zum Resonanzraum persönlicher Bilder.
Ein zentraler Aspekt von Anja Luithles Arbeit ist ihr Umgang mit Material, insbesondere mit Textilien. Dieser ist von großer Wertschätzung geprägt und hat biografische Wurzeln. Ihre Großmutter brachte ihr das Nähen bei und vermittelte ihr früh eine enge Verbindung zu textilen Materialien. Aus Stoffresten entstand damals ihre erste Jacke. Eine Strategie der Wiederverwertung, die wir heute als Upcycling bezeichnen würden.
Diese Haltung prägt ihr künstlerisches Schaffen bis heute. Luithle verwendet Vorhandenes, transformiert es und erweitert seine Geschichte. Materialien werden nicht ersetzt, sondern weitergedacht, in Form, Funktion und Bedeutung. In einer Zeit, die von Beschleunigung und Konsum geprägt ist, setzt diese Arbeitsweise einen bewussten Gegenakzent. Sie eröffnet Räume für Dialoge zwischen Vergangenheit und Gegenwart und schafft Möglichkeiten für Transformation und einen nachhaltigen Umgang mit Material.
Ein besonderes Beispiel hierfür ist die Werkserie „Interim- soft delete“. Hier arbeitet Luithle mit eigenen Aquatinta-Radierungen, die über handgezeichnete Entwürfe für Stoffmuster aus dem letzten Jahrhundert gedruckt wurden. Die Designer und Designerinnen sind oft unbekannt, doch die meisterhafte Ausführung beeindruckt stets. Luithle lässt diese Muster nicht verschwinden, sondern macht sie durch das Überdrucken sichtbar, denn die Entwürfe waren bereits im Müll. Anstatt diese Vorlagen zu überdecken, lässt sie sie in ihren Arbeiten durchscheinen. Es entsteht ein sensibles Zusammenspiel von Ornament und Abstraktion, von Sachlichkeit und Verspieltheit. Die Vergangenheit wird nicht ausgelöscht, sondern bleibt als Spur erhalten. Bemerkenswert ist auch der Umgang mit den ursprünglichen Vorlagen: Soweit möglich, hat die Künstlerin einige der Arbeiten an ihre Urheberinnen und Urheber zurückgegeben. Dadurch entsteht eine zusätzliche Verbindung zwischen den Zeiten, eine Geste der Anerkennung und Weitergabe.
Eine andere Werkgruppe, die sogenannten „Wertpapiere“, führt diesen Ansatz auf humorvolle Weise fort. Hier wird Toilettenpapier mit dem Wort „Wertpapier“ bedruckt, signiert und nummeriert. Die einzelnen Blätter stammen aus verschiedenen Kontexten, Ateliers, Museen, Ausstellungen, und werden so zu stillen Zeugen kultureller Zusammenhänge. Das scheinbar wertlose Material wird zum Träger von Geschichte und Bedeutung. Gleichzeitig hinterfragt die Arbeit auf subtile Weise, wie Wert entsteht und wodurch er definiert wird.
Im Zentrum von Anja Luithles Werk stehen innere Zustände, menschliches Verhalten und das Erleben von Zeit. Ihre Arbeiten machen sichtbar, wie sich Erinnerung in Materialien einschreibt und wie Zeit sich in Schichten organisiert. Papier, Stoff und Druck werden zu Speichern von Erfahrung und Wissen. Gerade in einer Bibliothek entfalten diese Themen eine besondere Resonanz. Auch hier geht es um das Sammeln, Bewahren und Weitergeben von Wissen, um Schichten von Zeit, die zugänglich gemacht werden.
Zeit ist ein wiederkehrendes Motiv in Luithles Arbeiten: das Vergehen, das Bewahren, das Erinnern. Ihre Werke bewegen sich zwischen diesen Polen und eröffnen dabei Räume, in denen Vergangenheit und Gegenwart miteinander in Beziehung treten können.
Sebastian Schmitt, Museumsleiter und Kurator
Esslingen, 06.04.2026.